Die Zeche Auguste Victoria in Marl war über ein Jahrhundert ein Symbol des Ruhrgebiets. Am 18. Dezember 2015 wurde hier die letzte Tonne Steinkohle gefördert – ein Datum, das als Ende der aktiven Steinkohleförderung in Marl in die Geschichte einging. Die Schließung traf viele Bergleute und ihre Familien tief. Heute steht das Areal für drei große Themen: den Erhalt von Industriekultur, die Transformation durch das Projekt gate.ruhr und die Ewigkeitsaufgabe Grubenwasserhaltung. Damit ist Auguste Victoria ein Spiegelbild des Strukturwandels im Revier: vom Pütt zur Zukunftsfläche.
Das Wichtigste in Kürze
- Stilllegung am 18. Dezember 2015 – drittletzte aktive Steinkohlezeche Deutschlands.
- Standort: Marl und Haltern am See, mit mehreren Schächten (u. a. Schacht 3/7, Erzschacht 4/5, Schacht 8/9).
- Denkmalschutz: Fördergerüst am Erzschacht (Museum), Erhalt einzelner Bauwerke am Schacht 8.
- Zukunft: Industrie- und Gewerbepark gate.ruhr, erste Großansiedlung Thalia (bis zu 1.000 Jobs).
- Dauerhafte Aufgabe: Kontrolle und Regulierung des Grubenwassers.
Inhaltsverzeichnis
- Historische Bedeutung der Zeche Auguste Victoria
- Erinnerungskultur und Denkmalschutz
- gate.ruhr: Wie aus dem Pütt ein Zukunftspark wird
- Grubenwasser – die stille Last unter Marl
- Ideen, die nicht verwirklicht wurden
- Fazit und Ausblick
Historische Bedeutung der Zeche Auguste Victoria
Die Zeche Auguste Victoria wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, die ersten Schächte entstanden 1899. Im Laufe der Jahrzehnte wuchs der Verbund zu einem der größten Arbeitgeber in Marl. Schacht 3/7 an der Carl-Duisberg-Straße, der Erzschacht 4/5 in Marl-Drewer oder Schacht 8/9 in Lippramsdorf waren bekannte Bezugspunkte.
Für viele Familien bedeutete die Zeche mehr als Arbeit: Sie war Lebensmittelpunkt. Bergmannssiedlungen, Vereinsleben, Fußballkultur – all das hing mit dem „Pütt“ zusammen. Als 2015 die letzte Lore gefördert wurde, war das nicht nur das Ende einer Industrie, sondern auch der Abschied von einem Stück Alltagskultur.
Ein Bergmann fasste es am letzten Fördertag so zusammen: „Wir sind stolz, aber traurig.“ Ein Satz, der bis heute nachhallt.
Erinnerungskultur und Denkmalschutz
Erhaltene Bauwerke der Zeche Auguste Victoria bewahren die Erinnerung:
- Das Fördergerüst am Erzschacht (Schacht 4/5) steht seit 1995 unter Denkmalschutz und beherbergt heute das Museum am Erzschacht. Ehrenamtliche präsentieren dort Werkzeuge, Grubenlampen und Fotos aus dem Arbeitsalltag.
- Am Schacht 8 in Lippramsdorf laufen seit 2025 Rückbauarbeiten. Während Kaue und Sozialgebäude verschwinden, bleiben Fördergerüst und Pförtnerhaus bestehen.
Diese Orte sind Teil der Route der Industriekultur, die ehemalige Bergwerksstandorte im Ruhrgebiet verbindet und Besucher*innen historische Spuren entdecken lässt. Sie zeigen, wie Vergangenheit sichtbar bleibt, auch wenn das Grubenleben längst Geschichte ist.
gate.ruhr: Wie aus dem Pütt ein Zukunftspark wird
Die Flächen von Schacht 3/7 werden seit einigen Jahren zu einem Industrie- und Gewerbepark umgebaut. Unter dem Namen gate.ruhr sollen hier moderne Unternehmen angesiedelt werden.
Ein Meilenstein ist die Ansiedlung der Buchhandelskette Thalia, die bis 2026 ein Logistik- und Servicezentrum mit über 56.000 Quadratmetern errichtet (mehr dazu hier). Bis zu 1.000 Arbeitsplätze sollen entstehen – eine Zahl, die an die frühere Bedeutung der Zeche erinnert.
Viele Bürgerinnen und Bürger stellen jedoch Fragen:
- Wie wird der zusätzliche Verkehr geregelt?
- Welche weiteren Branchen folgen Thalia?
- Welche Perspektiven ergeben sich für junge Menschen in der Region?
Solche Fragen machen deutlich: Strukturwandel bedeutet nicht nur Bagger und Baupläne, sondern Antworten auf konkrete Alltagsfragen.
Grubenwasser – die stille Last unter Marl
Mit der Stilllegung der Zeche steigt das Grubenwasser in den Stollen. Ohne Regulierung könnte es Schadstoffe ins Grundwasser spülen. Deshalb betreibt die RAG auch nach Ende des Abbaus eine kontinuierliche Wasserhaltung.
Für Auguste Victoria bedeutet das: Die Pumpen vor Ort wurden stillgelegt, die Grubenwasserhaltung wurde auf zentrale Standorte wie Dinslaken-Lohberg verlagert. Dort wird das Wasser kontrolliert abgeführt.
Viele Bürger sorgen sich dennoch: „Was, wenn die Technik versagt?“ Behörden verweisen auf engmaschige Messnetze und unabhängige Gutachten. Klar ist: Diese Aufgabe wird dauerhaft bestehen bleiben und gehört zu den größten technischen und finanziellen Herausforderungen nach dem Bergbau.
Ideen, die nicht verwirklicht wurden
Im Zuge der Energiewende wurde diskutiert, stillgelegte Schächte als Pumpspeicherkraftwerke zu nutzen. Auch Auguste Victoria war in Studien als möglicher Standort genannt. Die Idee: Wasser aus der Oberfläche in die Tiefe leiten und beim Abfluss Strom erzeugen.
Obwohl technisch machbar, verhinderten ökologische Bedenken und hohe Kosten die Umsetzung. Das Projekt blieb Theorie. Damit zeigt sich auch: Nicht jede Vision lässt sich im komplexen Nachbergbau realisieren.
Fazit und Ausblick
Die Zeche Auguste Victoria vereint drei Dimensionen:
- Erinnerung: Denkmäler wie der Erzschacht und das Museum halten die Geschichte lebendig.
- Wandel: Mit gate.ruhr entstehen neue Arbeitsplätze und Perspektiven.
- Verantwortung: Die Grubenwasserhaltung bleibt eine Aufgabe für Generationen.
Wer Marl heute besucht, erlebt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dicht nebeneinander. Die Frage bleibt: Wie gelingt es, aus Verantwortung Chancen zu machen?